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Sonntag, 20.11.2011:
Anwohner fürchten Bordell-Erweiterung
Ravensburg Von außen unscheinbar, sieht es wie ein normales Wohnhaus in der Altstadt aus. Keine aggressive Werbung, keine Bilder nackter Frauen, keine Neonreklame - nur ein roter Teppich und rote Glasbausteine in der Fassade am Eingang deuten dezent darauf hin, dass die Bewohnerinnen der Klosterstraße 4 im Rotlichtmilieu arbeiten.
Ein Vorbau ermöglicht es Freiern, vor neugierigen Blicken geschützt auszuwählen, ob sie bei Roxana, Shiva, Sofia oder einer anderen jungen Frau klingeln möchten. Im Internet werben die „Seemiezen“ mit Sexdienstleistungen, 20 Minuten kosten in der Ravensburger Klosterstraße 70 Euro.
Peep-Show verboten, Puff nicht
Die sogenannten Terminwohnungen, wo Prostituierte ihre Dienste schon seit längerem anbieten, genießen auch nach Verabschiedung des berühmten „Vergnügungsstättenkonzepts“ der Stadt Ravensburg Bestandschutz. Wie mehrfach berichtet, legte der Gemeinderat darin exakt fest, in welchen Straßen welches Vergnügen, vom Kino bis hin zur Spielhalle, gestattet ist. „Rotlichtrelevantes Gewerbe“ – darunter fallen Peep-Shows, Table-Dance-Bars, Pornokinos und Bordelle mit aggressiver, also gut sichtbarer Außenwerbung beziehungsweise mit angeschlossenem Bar- und Tanzbereich – ist demnach nur nordwestlich der Bahnlinie und im südlichen Gewerbegebiet Bleiche gestattet.
Jetzt expandiert das Ravensburger Rotlichtmilieu aber ganz offensichtlich. Im Gewerbegebiet Mariatal siedelten sich Sexarbeiterinnen in einem Wohnhaus an, und in der Innenstadt gibt es schon seit Jahren mindestens sechs Terminwohnungen.
Auch im Haus der „Seemiezen" an der Klosterstraße werden jetzt leer stehende Geschäftsräume im Erdgeschoss umgewidmet. Allerdings nicht sehr zur Freude der Anwohner, die sich weniger durch die Prostituierten, sondern eher durch deren Freier gestört fühlen. Sie baten Ingrid Brobeil-Wolber, die für die Grünen im Ravensburger Gemeinderat sitzt, um Hilfe. „Bitte teilen Sie mir mit, inwieweit in diesem Fall das von uns im Gemeinderat verabschiedete Vergnügungsstättenkonzept zum Tragen kommt, da es sich hierbei nicht – wie bei den übrigen Terminwohnungen in diesem Gebäude – um einen Bestandschutz, sondern um eine Umnutzung handelt“, wandte sich Brobeil-Wolber an Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp.
Die Antwort steht noch aus, da ein Antrag auf Nutzungsänderung nach Angaben von Pressesprecher Alfred Oswald noch gar nicht vorliegt. Klar scheint aber: Verbieten kann die Stadt die Erweiterung des bordellähnlichen Wohnhauses nur schwer. Jedenfalls nicht auf Grundlage des Vergnügungsstättenkonzeptes, da Prostitution in Städten mit mehr als 20000 Einwohnern grundsätzlich legal ist.
Die Anfrage offenbart eine Schwäche, die der SPD-Stadtrat Michael Lopez-Diaz, hauptberuflich Polizeibeamter, von vorneherein gesehen hat. Prostitution im stillen Kämmerlein lässt sich durch das Vergnügungsstättenkonzept gar nicht regulieren, sondern nur durch eine Sperrbezirksverordnung, die der Sozialdemokrat seit Jahren für Ravensburg fordert. Darin müsste man Gebiete, in denen Prostitution als besonders störend empfunden wird – zum Beispiel die Innenstadt – dafür komplett schließen. Erlaubt ist das älteste Gewerbe der Welt dann in den anderen Bereichen - in größeren Städten sind das meist Gewerbegebiete außerhalb, wo niemand wohnt. Das birgt allerdings auch wieder Nachteile: Durch die fehlende soziale Kontrolle wird Kriminalität wie Mädchenhandel erleichtert.
Bizarre Folgen
Welche bizarren Folgen die Unterscheidung von „rotlichtrelevantem Vergnügen“ einerseits und Erotik-Gewerbe andererseits haben kann, wurde auch im Sommer dieses Jahres am Beispiel des Ravensburger „Erotik-Paradieses“ in der Hindenburgstraße deutlich. Das Geschäft durfte problemlos in die Unterstadt umziehen, das angeschlossene Porno-Kino jedoch nicht, obwohl dort Zuschauer (meist Männer) still und heimlich ein- und ausgehen, ohne jemanden zu stören. Denn das Geschäft fällt unter die Gewerbeordnung, das Kino unters Vergnügungsstättenkonzept. Was zur Folge hat, dass der Sex-Shop jetzt zwei Adressen hat: einen in der Oberen Breiten Straße und einen in der Hindenburgstraße.
Kommentar: Sperrbezirk könnte helfen
Von AnnetteVincenz
A uch die tolerantesten Menschen wohnen nicht gerne neben einem Bordell. Aber eine Stadt in der Größe von Ravensburg kann nicht naserümpfend sagen: Bei mir nicht, fahrt doch nach Friedrichshafen. Irgendwo müssen Prostituierte ihrem – übrigens völlig legalen – Gewerbe nachgehen können.
In der Innenstadt oder in reinen Wohngebieten ist das heikler als zum Beispiel im Gewerbegebiet Mariatal, wo es bis zum heutigen Tag noch keine Beschwerden gegeben hat über die Frauen, die da ihre Dienstleistungen anbieten.
Mit einer Sperrbezirksverordnung, wie sie der SPD-Gemeinderat und Polizeibeamte Michael Lopez-Diaz seit längerer Zeit fordert, könnte die Stadt Prostituion viel besser steuern als mit einem Vergnügungsstättenkonzept, das zwar Peep-Shows oder Table-Dance-Bars in bestimmten Gebieten verbieten kann, aber keinen Puff. Wird Zeit, dass die Verwaltung das heiße Thema anpackt. Auch im Interesse der Nachbarn.
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