BONN - Mit Heiratsversprechungen oder Jobangeboten wurden die bitterarmen jungen Frauen aus ihrer bulgarischen Heimat nach Deutschland gelockt. Landsleute hatten die Mädchen im Alter zwischen 17 und 22 Jahren gezielt ausgesucht, um sie auf dem Bonner Straßenstrich arbeiten zu lassen. Dabei wurden die Prostituierten wie Gefangene gehalten. Bis zu 15 Stunden mussten sie anschaffen und den Tagesverdienst zwischen 250 und 900 Euro abgeben. Anschließend wurden sie in billige Absteigen nach Bornheim-Hersel gefahren, wo sie zu mehreren in kleinen Zimmern schliefen. Pässe und Papiere mussten sie ebenfalls abgeben. Am nächsten Tag wurden sie wieder auf den Strich gebracht.
Ende Juli war der Bonner Polizei ein Riesencoup gelungen: Neun Mitglieder einer zwölfköpfigen Zuhälterbande aus Bulgarien, die den Bonner Straßenstrich beherrschte, konnten verhaftet werden, nur drei erreichten noch rechtzeitig ihre Heimat, wurden aber später ausgeliefert. Monatelang waren sie observiert worden, und als die Ermittler von einer Frau, die den Menschenhändlern abgehauen war, erfuhren, dass die Bande sich absetzen wollte, schlugen sie zu. Elf der zwölf Mitglieder wurden bereits wegen Zuhälterei und Menschenhandels angeklagt, der jüngste ist erst 15 Jahre alt. Vor dem Bonner Amtsgericht laufen derzeit die ersten drei Prozesse.
Die eigenen Söhne als Zuhälter angelernt
Gestern jedoch gab die Staatsanwaltschaft die Anklage gegen den „dicksten Fisch" bekannt. Der mutmaßliche Kopf der Bulgaren-Bande, ein 39 Jahre alter Familienvater, soll für die sexuelle Ausbeutung von Frauen sogar seinen Sohn, seinen Neffen und auch einen Schwager eingesetzt haben. Angeklagt wurde er in sechs Fällen der bandenmäßigen Zuhälterei, des Menschenhandels, der Freiheitsberaubung, der Bedrohung und der schweren räuberischen Erpressung. Seine Akte geht als einzige vor eine Große Strafkammer des Landgerichts. Die Zuhälterbande, so ein Ermittler, sei im Grunde ein „riesengroßes Familienunternehmen". Wie andere mit Äpfeln oder Reifenfelgen handelten, handelten sie mit jungen Frauen, deren Armut und Naivität sie ausnutzten. So bestehe die Bonner Gruppe aus zwei großen Familien, bei denen bereits die Söhne als Zuhälter angelernt würden. Offenbar fänden die Eltern nichts dabei, dass die Kinder den „Beruf" der Eltern ergriffen.
So sollen auch die jungen Zuhälter regelmäßig mit von der Partie gewesen sein, wenn es um Repressalien gegangen sei, um Schläge, Todesdrohungen und die Abnahme des Tagesverdienstes. Die Anklage wirft dem Bandenchef wiederholt vor, dass er abtrünnige Prostituierte gefügig gemacht habe. In einem Fall betraf es eine Frau, die selbstständig auf dem Bonner Strich arbeitete. Sie soll von dem Angeklagten aufgefordert worden sein, sich unter seinen Schutz zu stellen; sie stehe „in seinem Revier". Als sie sich wehrte, wurde sie von vier Männern zusammengeschlagen und war vier Tage im Krankenhaus.
Nach den Verhaftungen im Juli waren einige der Frauen in ihre Heimat zurückgekehrt. Hier sollen sie von den drei zunächst untergetauchten Mitgliedern eingesammelt und zu einem Notar gebracht worden sein, wo sie „vorgefertigte Urkunden" unterschreiben mussten, dass sie auf freiwilliger Basis angeschafft hätten. Als die deutsche Polizei in Bulgarien noch einmal nachermittelte, widersprachen die Frauen den unter Druck unterschriebenen Erklärungen.
Zur großen Überraschung der Justiz sind die Frauen offenbar mutiger als erwartet. Im Prozess gegen einen 20-jährigen Bulgaren vor dem Jugendschöffengericht sind mehrere Opfer eigens aus Bulgarien angereist, um als Zeuginnen auszusagen. Sie sollen den jungen Zuhälter bereits schwer belastet haben.