Bremen. Seit das Finanzamt verstärkt im Rotlichtmilieu an die Türen klopft, kommen immer mehr Prostituierte in die Beratungsstelle Nitribitt. 'Wir haben vorletzte Woche sogar ein Seminar mit einem Steuerberater angeboten', sagt Julia von Lengerke, hauptamtliche Sozialarbeiterin im Verein. Sie findet es richtig, dass der Staat auch für sexuelle Dienstleistungen Steuern erhebt: 'Das ist ein Schritt in die Normalität', sagt sie, 'auch in die Anerkennung der Prostitution.'
Ganz alltäglich dürfte die Steuererklärung einer Prostituierten vielleicht nicht aussehen: 'Kondome, Gleitgel, Dildos, Peitschen', so von Lengerke, könnten Prostituierte als Arbeitsmittel angegeben. Sie ließen sich von der Steuer absetzen, vorausgesetzt natürlich, die Quittungen liegen vor. Dessous lassen sich als Arbeitskleidung geltend machen, genau wie die Betriebskosten, etwa Miete für das Model-Zimmer und Inserate in Zeitungen. Von Lengerke: 'Das sind teils sehr hohe Ausgaben.'
Zwei Milliarden Euro, so schätzt der Bundesrechnungshof, gehen dem Staat an Steuern aus den Umsätzen im Rotlichtmilieu verloren. Seit April sind Bremens Steuerprüfer deshalb unterwegs, gehen von Tür zu Tür und klären die Frauen über ihre Steuerpflicht auf. Dabei haben sie festgestellt, dass Huren mit deutschem Pass fast durchweg schon bei den Finanzbehörden gemeldet sind. 'Aber nur zwei bis drei Prozent geben als Beruf Prostituierte an', schätzt von Lengerke. Meist sei in der Einkommenssteuer- und Umsatzsteuererklärung die Rede von 'persönlichen Dienstleistungen', manchmal mit der Ergänzung Wellness oder Massage, 'was ja nicht falsch ist'.
800 bis 1000 Frauen in 350 bis 400 Model-Wohnungen gibt es in Bremen, schätzt von Lengerke. Zwei bis drei Gäste empfange eine professionell arbeitende Prostituierte am Tag - das jedenfalls ist ein ganz grober Durchschnittswert. Und die Beamten vom Finanzressort haben überrascht festgestellt: 'Besonders viel Betrieb ist in der Mittagspause.' Die Preise für sexuelle Dienstleistungen fingen nach den Angaben der Frauen etwa bei 50 Euro an, 'nach oben gibt es aber kaum eine Grenze', so ein Finanzbeamter. So seien auch die anfallenden Steuern nur schwer zu schätzen.
Empörend findet Julia von Lengerke vor diesem Hintergrund das sogenannte 'Düsseldorfer Verfahren', das inzwischen viele Finanzämter umsetzen: Die setzten pauschal eine Umsatzsteuer von 25 Euro am Tag an - sieben Tage die Woche, auch am Wochenende. 'Das ist völlig unrealistisch.' Kein anderer Berufsstand werde zudem ähnlich pauschal besteuert.
Sehr positiv sieht die Nitribitt-Sozialarbeiterin dagegen das Bremer Vorgehen, das mit den übrigen Norddeutschen Ländern abgestimmt ist. Diese Länder behandeln Prostituierte nicht anders als andere Gewerbetreibende auch - Grundlage für die steuerlichen Vorauszahlungen sind in erster Linie ihre eigenen Angaben: 'Das ist ein vernünftiges Verfahren.'
'Das Finanzamt erfasst Frauen, die freiwillig und unter einigermaßen vertretbaren Bedingungen arbeiten', meint von Lengerke. Die vielen Frauen aus Ländern Osteuropas, die teils als Mädchen schon zur Prostitution gezwungen und dann verschleppt werden, würden wohl auch in Zukunft kaum besteuert. 'Die leben eine Monat hier, einen Monat ganz woanders.' Diese Frauen hätten zudem 'ganz andere Probleme' als sich bei Finanzamt zu melden. Bei den Besuchen der Steuerprüfer in Model-Wohnungen waren diese Frauen allerdings deutlich in der Mehrzahl.
Von der Offensive der Finanzbehörde verspricht sich die Sozialarbeiterin dennoch positive Effekte. 'Ich hoffe auf ein bisschen mehr Transparenz', sagte sie. 'Dann wird es schwieriger für kriminelle Machenschaften.' Prostituierte hätten nämlich oft nur (Zahlungs-)Pflichten, 'aber keine Rechte'. Das könne sich nun allmählich ändern: 'Wenn die Steuerbehörde aktiv da dran bleibt, dann sehe ich die Chance für eine positive Entwicklung.'
Allein durch die Tatsache, dass der Druck für Sex-Unternehmerinnen zunehme, ihre Kosten nachzuweisen, vor allem die hohen Mieten: 'Die sind unheimlich dahinter her, Quittungen zu bekommen.' Zwar seien nicht alle Betreiber der Wohnungen davon begeistert. 'Aber wenn Frauen darauf bestehen, dann gibt es die.'
Prostituierte mit Steuernummer arbeiten zudem nicht illegal, sie sind folglich auch nicht erpressbar, etwa mit der Drohung, sie wegen Schwarzarbeit anzuzeigen. 'Und ich hoffe, dass die Frauen allmählich auch gesellschaftlich mehr Anerkennung erfahren, indem sie Steuern zahlen.' Denn: 'Immer noch sagt kein Mann: ,Ich gehe zu einer Prostituierten?, und immer noch sagt keine Frau: ,Ich bin Prostituierte?, ohne dass sie geächtet würde.' Es sei 'eine absolute Minderheit der Frauen, die sich zu ihrem Beruf bekennt', meist sei nicht mal der eigene Partner im Bilde.
Dabei suche jeder zweite Mann sexuelles Vergnügen regelmäßig auch bei einer Prostituierten, so jedenfalls die Schätzungen bei Nitribitt. Und Anerkennung für ihre Arbeit finden sie eher informell: 'Professionell arbeitende Frauen haben Stammkunden', sagt Julia von Lengerke. 'Das beweist: Die machen einen guten Job.'
Wenn der Fiskus nun konsequent die Hand aufhält, könnte bezahlter Sex auf längere Sicht teurer werden, 'aber das ist in meinen Augen auch wünschenswert', findet die Sozialarbeiterin. Die Preise seit Jahren nicht mehr gestiegen, 'eigentlich seit der Einführung des Euro'.