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Donnerstag, 12.08.2010:
Bielefeld und die Prostitution
Bielefeld. Der Mann verfolge sie seit Wochen. "Ich fühle mich bedroht und keiner hilft mir", sagt die Frau. "Ich bin diejenige, die er jetzt öffentlich beschuldigt hat, an der Salzufler Straße als Prostituierte zu arbeiten" (NW vom 11. August). Gestern meldete sich "Katrin" bei der Lokalredaktion. "Es kann gar keine anderen Beschwerden aus der Nachbarschaft geben", sagt sie. "Das ist meine Privatwohnung. Ich empfange dort keine Kunden", fügt sie hinzu.
"Katrin", unter diesem Namen hat sie im Internet für ihre Dienste geworben, wird die Wohnung dennoch verlassen. Sie lebt in einem Appartement, das nur an Studenten vermietet werden dürfe. "Das hat mir niemand gesagt", äußert Katrin. Von den 394 Kleinstwohnungen, Zimmer mit Nasszelle, auf dem ehemaligen Bastert-Gelände an der Salzufler Straße gilt für 308 diese Bindung. Dafür hatte der Bauherr 1994 bei den Parkplätzen sparen dürfen.
"Der Mann hat keinen Einlass mehr bei mir bekommen", erklärt Katrin. "Seitdem verfolgt er mich und offenbar auch meine Bekannten." In einem anonymen Brief hatte er Katrins Adresse, die Anschrift einer "Abby", die ein Appartement in einem anderen Haus des Gebäudekomplexes angemietet hat, und eine weitere Wohnung dort genannt.
Im Juni bereits hatte der Mann sich an die Stadtverwaltung gewandt – ebenfalls anonym . "Daher konnten wir ihm nicht mitteilen, dass es aus unserer Kenntnis keinen Grund gibt, gegen die Frau vorzugehen", sagt Volker Voss vom Ordnungsamt. "Dornberg, Heepen und auch der Stadtbezirk Jöllenbeck sind kein Sperrbezirk." Prostitution ist dort erlaubt.
München, auch durch ein Lied der "Spider Murphy Gang" einschlägig bekannt, war vor Jahrzehnten beim Versuch gescheitert, die gesamte Stadt zum Sperrbezirk zu erklären. Als die Verordnung für Bielefeld erlassen wurde, blieben 38 Prozent der Fläche, die drei Stadtbezirke im Norden, vom Verbot ausgenommen.
Vorgeschichte war ein langwieriger Streit um einen unerwünschten Straßenstrich an der Duisburger Straße in Brackwede, erinnert sich Manfred Deuker, stellvertretender Leiter des städtischen Ordnungsamtes. Aus alten Akten kann dies auch Sebastian Hanl bestätigen, Sachbearbeiter Ordnungsrecht beim Regierungspräsidenten. "Das Verfahren begann schon vor der Gebietsreform."
Die meisten Prostituierten in Bielefeld kennen die Rechtslage. "Viele kommen zu uns, wenn sie eine Wohnung anmieten wollen, und fragen, ob es dort erlaubt ist", bestätigt Voss. Der Staat drückt sich vor einer offiziellen Anerkennung des angeblich ältesten Gewerbes. "Die Frauen müssen ihre Einnahmen versteuern, eine amtliche Gewerbegenehmigung dürfen wir nicht erteilen", sagt Deuker. Das habe 2009 eine Bund-Länder-Kommission noch einmal ausdrücklich den Kommunen mitgeteilt. Seitdem auf das früher verpflichtende Gesundheitszeugnis ("Bockschein") verzichtet wird, gibt es keine verlässliche Schätzungen darüber, wie viele Menschen sich in Bielefeld prostituieren.
"Wir verweisen die Damen an das Bauamt", sagt Voss. Auch dort gibt es außerhalb des Sperrbezirks wenig Widerstandsmöglichkeiten gegen Prostitution. "Wenn eine einzelne Frau in einer Wohnung tätig ist, ist das in einem Wohngebiet zunächst rechtlich ebenso wenig störend wie ein Einzelanwalt oder ein Architekt, der in seiner Wohnung arbeitet", erklärt Stephan Blankemeyer, Leiter des Bauamtes, die Rechtslage.
Anders sei es bei einem Bordellbetrieb. "Das ist Gewerbe." Ob ein Swingerclub, der in Sennestadt für sich wirbt, zulässig ist, war gestern nicht zu klären. Im Amt lässt sich dessen Internetseite nicht aufrufen. "Solche Anschlüsse sind in der Verwaltung gesperrt", gesteht Blankemeyer.
Die Eigentümer der Wohnanlage in Heepen hatten sich am Samstag im Hotel Mövenpick getroffen. "Prostitution war kein Thema", bestätigt ein Teilnehmer. Vor mehr als zehn Jahren sei bereits ausdrücklich vereinbart worden, gegen Eigentümer gemeinschaftlich vorzugehen, die dies dulden würden. "Ich habe eigentlich gehofft, dass die umfangreiche Video-Überwachungsanlage im und um die Häuser Freier sowieso abschrecken würde", sagt der Mann.
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