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Dienstag, 06.09.2011:

Die schnelle Nummer

Mit einem umgebauten Parkschein-Automaten will Bonn auf dem Straßenstrich Steuern kassieren. Doch die Prostituierten haben ihre Tricks - sie sind schon genervt vom ganzen Rummel.


Bonn –  

Der Bonner Straßenstrich hat einen neuen Star. Er steht zwischen zwei Containern und schluckt Geld. Der Steuerticket-Automat, den die Stadt hier aufgestellt hat, wurde über Nacht weltweit bekannt. Die New York Times interessierte sich ebenso für das Ding wie ein Fernsehteam aus Russland. Die Frauen, die nebenan auf Freier warten, sind vom Rummel offenbar genervt. „Bei dem ganzen Theater laufen den Mädels die Kunden weg“, sagt ein Mann an der nahegelegenen Frittenbude.

Öffentliches Interesse ist schlecht fürs diskrete Geschäft. Wer hierhin kommt, will nicht gesehen werden. Die meisten Freier rücken deshalb erst spät in der Nacht an. Für die Prostituierten dagegen beginnt der Arbeitstag schon früher.

Ab 20.15 Uhr dürfen sie in Bonn ihrem nächtlichen Tagwerk nachgehen. Davor müssen sie zahlen: Für sechs Euro spuckt der umgebaute Parkscheinautomat ein Ticket aus – die Erlaubnis, eine der sechs hölzernen Verrichtungsboxen für ein Stelldichein mit motorisierten Kunden zu nutzen. Die Uhrzeit wurde auf Wunsch der Geschäftsleute aus der Umgebung festgelegt, sagt Monika Frömbgen, Pressesprecherin des Rathauses. Die halten ihre Geschäfte bis 20 Uhr offen und wollen ihre Kundschaft nicht durch Freier verschrecken. Weil die Prostituierten keinen Ärger mit den Behörden haben wollen, entrichten die meisten offenbar ihren Obulus. Und das, obwohl die Geschäfte angeblich nicht gut laufen und sich auf dem Straßenstrich ohnehin nicht allzu viel verdienen lassen soll. Immerhin 264 Euro kassierte die Stadt in den ersten drei Nächten quasi ganz automatisch.

„Die hier stehen, sind doch die Ärmsten“, meint der Mann, der seinen BMW auf dem Kundenparkplatz des benachbarten Eros-Centers geparkt hat. Er kennt sich scheinbar aus: Die Frauen kämen zum größten Teil aus Osteuropa, sprächen kaum Deutsch und ließen sich von Freiern oft im Preis herunterhandeln. 20 bis 30 Euro pro Verrichtung seien hier nicht unüblich, sagt er. Viele der Prostituierten arbeiteten nur kurze Zeit in Deutschland und kehrten dann in ihre Heimatländer zurück.

Die Fluktuation im Gewerbe ist auch der Stadt bekannt. Der ständige Wechsel des Personals und die mangelnden Sprachkenntnisse der Frauen machten es nahezu unmöglich, Einkommensteuer aus dem Straßenstrich zu kassieren. Für den Fiskus fiel da nichts ab. Seit 28. August sorgt jetzt der umgerüstete Parkschein-Automat an der Immenburgstraße für Steuergerechtigkeit.

Immerhin wird den Prostituierten dafür auch mehr Sicherheit geboten. Die Stadt hat an alles gedacht: Direkt neben der Mautstelle gibt es einen Container mit einem Wachmann, der im Notfall über einen Schalter in der Verrichtungsbox alarmiert werden kann. Außerdem wurde ein zusätzlicher Container mit Sanitäranlagen aufgestellt.

Der Ticket-Automat, die Container und die Boxen tragen nicht gerade zur Attraktivität des Viertels in direkter Nähe der städtischen Müllanlagen bei. Viel zu sehen gibt es nicht an diesem frühen Abend. Nur wenige Autos kurven durch das Viertel am westlichen Stadtrand. Einige männliche Autofahrer bremsen kurz ab, schauen neugierig und fahren dann weiter.
Auch in den abseits gelegenen Verrichtungsboxen scheint nicht viel los zu sein. Über deren Funktionalität wurde auch im Stadtrat diskutiert: Der Schallschutz sei mangelhaft, hieß es. Das Treiben in den jeweils benachbarten Boxen mache sich zeitweilig akustisch störend bemerkbar.

Eine Frau mit kurzem Rock und weißen Stiefeletten steht der Problemlage offenbar gelassen gegenüber. Gelangweilt zündet sie sich eine Zigarette an. Im Abstand von rund zwanzig Metern stehen zu dieser frühen Abendstunde nicht mehr als 15 Gewerbetreibende am Straßenrand. Ihr Alter ist nur schwer einzuschätzen, doch einige von ihnen dürften die 20 kaum überschritten haben.

Die Stadt rechnet auf Dauer mit mehr Verkehr: Mehr als 20 Frauen sollen an der Immenburgstraße allabendlich auf den Straßenstrich gehen. Rund 300 000 Euro, so hofft man im Rathaus, sollen pro Jahr durch die neue Einnahmequelle ins chronisch klamme Stadtsäckel fließen.

Aufklärung auf Handzetteln Zur Aufklärung über die Steuerpflicht wurden mehrsprachige Handzettel unter den Prostituierten verteilt: Auf „Rumänisch, Polnisch, Türkisch, Bulgarisch und Englisch“, erläutert Monika Frömbgen. Wer mehrmals kein gültiges Ticket vorweisen kann, wird für die Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld von hundert Euro zur Kasse gebeten. Schließlich braucht die Stadt Geld.

Denn auch der Straßenstrich ist teuer: Für Grundstückspacht und Bewachung der Anlagen werden rund 120 000 Euro pro Jahr ausgegeben. Und auch der neue Automat kostete rund 8000 Euro. Zwei Mitarbeiter der Stadtverwaltung wechselten ins Kassen- und Steueramt, um die Einhaltung der Steuerpflicht an der Immenburgstraße zu überprüfen.

Doch natürlich können die die Kontrolleure nicht permanent vor Ort sein. Und so haben die Prostituierten angeblich schon ein angepasstes Steuersparmodell gefunden: Das Ticket wird während der Nacht einfach an nachrückende Kolleginnen weitergegeben.



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