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Montag, 08.11.2010:
Steuerfahnder treten als Freier auf
Bremen. Auf den ersten Blick sieht Hartmut F.* aus wie ein gewöhnlicher Freier. Das muss er auch, sonst würde er gar nicht hineingelassen in die videoüberwachte Modelwohnung. Doch sein Interesse für bezahlten Sex ist anderer Natur: Er ist gekommen, um den gesetzlichen Anteil des Staates an den Einnahmen im Rotlichtmilieu geltend zu machen. 'Prostitution ist ein Gewerbe', sagt er, 'da fallen ganz regulär Steuern an. Und die erheben wir.'
Besteuerung sexueller Dienstleistungen', so heißt das offiziell. Schon im Jahr 2003 hatte der Bundesrechnungshof in seinem Jahresbericht moniert: Zwei Millionen Euro gingen dem Staat jährlich verloren, weil die Finanzämter ihren Anteil an den Umsätzen im Rotlichtmilieu kaum einfordern. Inzwischen tut sich was. 'Die norddeutschen Länder haben ihr Vorgehen abgestimmt', sagt Lars B., im Finanzressort zuständig für diesen Bereich.
'Lange Beine + Straps, OW 80E' - Anzeigen dieser Art werten die Finanzbeamten seit Anfang 2009 systematisch aus, machen Adressen ausfindig, notieren Telefonnummern. Inzwischen haben sie einen ziemlich genauen Stadtplan der Prostitution ausgearbeitet. 'Schwerpunkte sind Walle und die Neustadt', sagt F.?s Kollegin Claudia R. 'Aber eigentlich finden wir Modelwohnungen in allen Stadtteilen - auch in Schwachhausen.'
'Freiberuflich tätige Prostituierte müssen sich beim Finanzamt anmelden', erklärt B. Sie bekommen eine Steuernummer, müssen Einnahmen und Gewinn schätzen und dann vierteljährlich Vorauszahlungen leisten. 'Für sexuelle Dienstleistungen kommen Umsatz-, Gewerbe- und Einkommenssteuer in Betracht', erklärt er. 'Da gibt es keinen Unterschied zum Friseur oder Fahrradhändler.'
Steuerfahnder bekommen Begleitung
Umsatzsteuersonderprüfer - so heißen die Menschen, die die Steuerehrlichkeit in jeder Art von Gewerbe mit ihren Besuchen fördern. Die 'Stätten der Prostitution', so weit sie bekannt sind, kommen bei ihnen inzwischen 'ganz normal auf den Steuerprüfungsplan', so Lars B. Einziger Unterschied: Jemand aus der Servicestelle Steueraufsicht begleitet sie ins Rotlichtmilieu - der Mann oder die Frau mit der Aktentasche. Sie tauchen erst im Blickfeld der Videokameras vor der Modelwohnung auf, wenn die Tür schon offen ist.
'Wenn wir da zu zweit stehen, macht niemand auf', sagt Hartmut Z. 'Das haben wir am Anfang falsch gemacht.' Die Furcht vor einem Überfall sei zu groß. 'Aber zu zweit ist es einfach sicherer', sagt Lars B. 'Und im Zweifel gibt es immer einen Zeugen.' Auch die Polizei ist stets im Bilde über die Rotlicht-Einsätze der Steuerprüfer. 'Aber es hat nie Probleme gegeben', versichert Claudia R. von der Steueraufsicht.
Im Gegenteil: Der Empfang sei durchweg 'offenherzig und gastfreundlich', sagt sie - jedenfalls wenn die erste Skepsis überwunden ist. Und brenzlige Situationen habe es bislang nicht gegeben. Nur einmal vielleicht, als Hartmut Z. klingelte, 'und dieses bildschöne nackte Mädchen stand vor mir' - so atemberaubend, dass Hartmut Z. noch heute errötet. 'Man weiß nie, was einen hinter der Tür erwartet', sagt er, 'und zum Glück kam auch gleich der Kollege.'
Einmal gab es einen Anpfiff. Z.: 'Da hatten wir eine Prostituierte wohl etwas laut befragt.' Die Beschwerden kamen aus dem Nebenzimmer: 'Die Dame konnte ihrer Arbeit nicht richtig nachgehen.' Das Problem kennen auch die Finanzbeamten aus ihrem Job: Meist liegt es dann allerdings an Verständigungsproblemen, und die lassen sich beheben: mit Faltblättern über die Steuerpflicht für Prostituierte in Übersetzungen: polnisch, rumänisch, russisch, bulgarisch.
"Das hat schon ein bisschen Unruhe in die Szene gebracht"
Inzwischen hat die Behörde eine erste Runde der Prüfungen abgeschlossen. 'Das hat schon ein bisschen Unruhe in die Szene gebracht', sagt Claudia R. 'Und jetzt hoffen wir, dass es vermehrt zu steuerlichen Anmeldungen kommt.' Nicht nur von Prostituierten. Auch die Betreiber der Modelwohnungen, so die Hoffnung, kommen nach und nach in Zugzwang und müssen ihre Einnahmen deklarieren. 'Wir wissen ja, dass da das meiste Geld bleibt', sagt Lars B. 'Wir sind ja auch nicht naiv.'
Prostitution gegen Quittung, Kassenbelege, Abzug von Umsatzsteuer - das alles erwarten die Prüfer bei ihren Besuchen natürlich nicht. Umsätze können sie nur nach Angaben der Damen schätzen. 'Aber es werden keine Steuern rückwirkend kassiert', versichert Lars B. Und es werden auch keine Strafanzeigen geschrieben - anders als sonst, wenn Steuern systematisch hinterzogen werden. 'Es geht ausschließlich darum, für die Zukunft mehr Steuern zu generieren', betont B. und geht davon aus: 'Die Damen wissen: Sie sind ins Blickfeld geraten. Wenn sie sich nicht anmelden, kommen wir wieder.'
Allerdings: Bis dahin kann 'Cora, devot, 25' unter Umständen längst über alle Berge sein. Vielleicht hat 'Lady Z.' aus der 'Lustwerkstatt' ihr Zimmer übernommen oder 'Miss Kiss, 30, vielseitig'. Lars B. kennt das Problem: 'Wir wissen, dass viele Frauen nur eine Weile bleiben und bundesweit verschickt werden.'
Claudia R. zum Beispiel hat eine Prostituierte angetroffen, 'die war in Stuttgart steuerlich gemeldet'. Überhaupt, so die Überraschung, hätten schon heute Huren mit deutschem Pass fast durchweg Steuernummern. 'Aber es waren ja nur wenige Deutsche dabei', dafür sehr viel Frauen aus Bulgarien und Rumänien. 'Drei von 50' Frauen, so Hartmut Z?s persönliche Bilanz, waren offiziell bei der Steuerbehörde gemeldet.
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